Manche Naturvölker in Schwarzafrika tragen sie als Schmuck und sind ganz besonders stolz auf diese Stammeszeichen: Narben mit einer dicken Wulst, die deutlich an selbst zugefügte Verletzungen erinnern. Andere Länder, andere Sitten – denn hierzulande gelten Narben als unschön und entstellend. Ganz besonders an auffallenden Stellen wie Gesicht, Hals oder Brust.
Narben entstehen, wenn bei einer Verletzung auch tiefere Gewebsschichten der Lederhaut (Corium) in Mitleidenschaft gezogen werden. Der Körper bildet dann mit Hilfe bestimmter Wachstumsfaktoren, die an der Wunde ausgeschüttet werden, Ersatzgewebe. Frische Narben sind rötlich bis blaurot, verlieren im Laufe der Zeit ihre Farbe und werden dann eher weißlich. Auch sonst ist das neue Gewebe dem alten nicht ganz ebenbürtig: Die oberste Hautschicht ist meist sehr dünn, Hautfelderung, Haare, Talg- und Schweißdrüsen fehlen vollständig. Elastische Hautfasern werden weitgehend durch starre Kollagenfasern ersetzt – dadurch verliert Narbengewebe auch seine Elastizität. Im Idealfall verheilt eine Narbe auf Hautniveau. Wird nicht genügend Ersatzgewebe gebildet, so senkt sich die Narbe unter das Hautniveau und man spricht von einer atrophen Narbe. Durch Kollageninjektionen kann das behoben werden.
In anderen Fällen wird zu viel des neuen Gewebes produziert, und es entstehen sehr unschöne und wulstige Narben. In extremeren Fällen wuchert das neue Gewebe weit über die Wundränder hinaus. Man spricht dann von Keloiden. „Es handelt sich dabei allerdings um gutartige Wucherungen“, beruhigt Prof. Reinhard Breit, Chefarzt der Dermatologischen Abteilung des Städtischen Krankenhauses Schwabing in München. Ob und wann sich ein Keloid bildet, ist nicht vorauszusagen. Bekannt ist jedoch, dass junge Menschen, insbesondere Frauen und auch dunkelhäutige Menschen, besonders häufig Keloide entwickeln. An Extremitäten sind sie äußerst selten, sehr häufig dagegen an den Körperarealen oberhalb des Brustbeins, am Hals und im Gesicht. Prof. Breit: „Das höchste Risiko hat eine junge dunkelhäutige Frau über dem Brustbein, das niedrigste Risiko ein alter weißer Mann an der Fußsohle.“ Zudem spielt die erbliche Veranlagung eine gewisse Rolle wie auch die Art der Verletzung. „Grobe, großflächige Verletzungen wie Verbrennungen oder Verätzungen sind stärker betroffen als beispielsweise OP-Narben mit sauberen Schnittkanten“, ergänzt Prof. Breit.
Wer bereits eine unschöne Narbe oder ein Keloid hat, kann diese vom Arzt behandeln lassen. Die verbreitetste Methode ist die Therapie mit Kortison.
Euphorien dämpft die Hautärztin: „Keine Methode ist 100-prozentig, ein Versprechen auf vollständige Entfernung einer Narbe kann man nicht geben.“
Apotheken Umschau, 26.11.2001